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Sport - 08.07.2019

Brasilien jubelt wieder

Brasiliens Fußball feiert im Maracana eine große Party. Der Stimmung im tief gespaltenen Land kann das nur guttun. Vielleicht, denn es war nur eine Hälfte da. Von Tobias Käufer, Rio de Janeiro.

Ausnahmsweise feiern sie an diesem Tag einmal gemeinsam: Gegner und Kritiker des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Für 90 Minuten ist dieses riesige Land halbwegs vereint, schaute auf sein fast schon mystisches Maracana-Stadion. Das wird nun in seinem Bauch wohl ein paar neue Ausstellungsstücke für das Museum dazu bekommen. Die vom Sieg bei der Copa America 2019. Im Finale der Südamerika-Meisterschaft bezwang Brasilien in Rio de Janeiro Außenseiter Peru mit 3:1 (2:1). Die Tore erzielten Everton (15.), Gabriel Jesus (45.) und Ricarlison (90.) per Elfmeter. Für Peru traf Ex-Bundesligaspieler Paolo Guerrero (43.) per Strafstoß. Der überragende Jesus hatte auch schon das erste Tor vorbereitet, wenig später sah er wegen Foulspiel die Gelb-Rote Karte. Das Finale unter der Christus-Statue trug seinen Stempel.

Gabriel Jesus schießt erst ein Tor und fliegt dann vom Platz

Auf den Rängen ist die Stimmung prächtig. Nicht ganz 70.000 Zuschauer sorgen trotz hoher Eintrittspreise für ein nahezu ausverkauftes Stadion. Insgesamt spülen sie exakt 38.769.850,00 Reais (knapp zehn Millionen Euro) in die Kassen der Organisatoren. Als die Zahl verkündet wird, gibt es vereinzelte Pfiffe, diese Summe ist für brasilianische Verhältnisse unvorstellbar. Niemals wurde bei einem brasilianischen Fußballspiel mehr Geld durch Eintrittskarten eingenommen. Die Zusammensetzung der Zuschauer ist einseitig: Es ist fast nur die weiße Oberschicht gekommen, die sich diese Preise leisten kann. Und die knipst sich auf der Tribüne gegenseitig mit den Smartphones.

Selecao endlich wieder im Maracana

Endlich ist die Selecao wieder in ihrem Stadion, in dem sie während der WM 2014 im eigenen Land nicht ein einziges Mal spielen durfte. Das verlorene Halbfinale (1:7) gegen Deutschland verhinderte eine Endspielteilnahme, auch bei der anschließenden südamerikanischen WM-Qualifikation für Russland 2018 machte die Selecao einen weiten Bogen um die Arena. Warum es nicht besser lief, konnten die damals Verantwortlichen nicht erklären. Nur so viel: Die letzten beiden brasilianischen Verbandspräsidenten sind wegen Korruption aus dem Amt geflogen.

Die riesige Schüssel, die bei Olympia 2016 immerhin eine Goldmedaille der brasilianischen Olympia-Fußballauswahl feiern durfte, ist fast komplett in Gelb getaucht. Aber es gibt auch rote Flecken der Peruaner, rund 10.000 sind im Stadion und machen sich durchaus bemerkbar. Zwei Musiker sind mit dem VW gekommen, ein Fischhändler hat seinen LKW zum Fanmobil umgebaut und ist aus seiner Wahlheimatstadt Buenos Aires hochgefahren. „Das mussten wir einfach miterleben“, rufen sie peruanischen Landsleuten zu.

Billiger als das Ticket zum Stadium: Copa America in der Kneipe ansehen

Kneipen in Rio de Janeiro zufrieden

Und die Brasilianer: Kneipenwirt Flavio von der Copacabana zieht ein positives Fazit. „Für Rio war die Copa America ein Erfolg.“ Seine Kneipe Dantes wurde zum inoffiziellen Treffpunkt für Chilenen und Peruaner. Viele ausländische Fans waren in der Stadt, scheuten aber wegen der hohen Reisekosten die Inlandsflüge und schauten die Spiele in den Kneipen.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro verzichtete diesmal auf eine eigene Halbzeitshow wie beim Halbfinale in Belo Horizonte im Klassiker gegen Argentinien. Er kommt ein paar Minuten vor Spielbeginn auf die Ehrentribüne, winkt jenen Zuschauern zu, die ihn erkennen. Als die Welle durchs Stadion geht, bleibt fast die ganze Ehrentribüne sitzen. Bolsonaro und sein Umfeld aber machen mit. Jubel. Als die Welle beim nächsten Durchgang durchs Stadion eilt, steht auch die Ehrentribüne auf.

Brasiliens Präsident zeigt sich begeistert von seiner Mannschaft

Am Ende hat Bolsonaro doch noch seinen großen Auftritt. Bei der Siegerehrung. Diesmal gibt er sich staatstragend. Und wieder ist der Lärm ohrenbetäubend. Die Mehrzahl der Menschen steht auf und klatscht oder winkt ihm zu. Es gibt „Mythos“-Rufe, sein Spitzname. Aber eben auch deutliche Pfiffe und Buh-Rufe. Als er auf den Rasen kommt, klatscht die Mannschaft Beifall. Einzelne Spieler umarmt er bei der Siegerehrung. Für ihn, der von internationalen Medien und von einem Teil der brasilianischen Medien geächtet wird, ist der Abend ein Erfolg. Es erhöht seine gesellschaftliche Akzeptanz. Brasilien feiert wieder. Den ersten Titel bei einer WM oder Südamerika-Meisterschaft seit zwölf Jahren. Das alles ohne den verletzten Superstar Neymar, der auf der Tribüne mitjubelt, aber diesmal nur eine Nebenfigur ist. Es gibt ein strahlendes Mannschaftsfoto. Bolsonaro ist mitten drin, es wird am Montag die Titelseiten zieren.

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