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Kultur - 1 Woche ago

Oder soll man es lassen?

Flüchtlingsrettung, Böhmermann, Stokowski – die „Zeit“ reagiert auf jede Debatte mit einem Pro und Contra. Das Abwägen hat natürlich eine lange Tradition. Aber ist es wirklich hilfreich? Ein Pro und Contra über das Pro und Contra. 0

Andreas Rosenfelder: Pro

Wenn eine Entscheidung schwerfällt, dann gilt der uralte Rat, erst einmal das Für und Wider abzuwägen. Damit liegt man immer richtig. Schließlich gibt es bei jeder Sache irgendetwas, das dafür spricht, aber auch irgendetwas, das dagegen spricht – sonst wäre es ja auch keine Entscheidung, wie der große Kybernetiker Heinz von Foerster wusste: „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“

Es ist also im Feuilleton zu Recht guter Brauch, das Pro und das Contra gleichwertig nebeneinanderzustellen, so dass beide aussehen wie die Gewichte einer vollkommen ausgewogenen Buchstabenwaage – oder auch wie die genau gleich großen Heuhaufen, zwischen denen Buridans Esel stand. Diese Symmetrie ist ein getreues Abbild des Denkprozesses selbst. Je mehr Argumente für eine Sache ins Feld geführt werden, desto mehr Gegenargumente werden mobilisiert, mit Goethe: „Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.“

Das Pro und Contra war folglich schon lange, bevor es das Feuilleton gab, die natürliche Form der Wahrheitsfindung. Bereits in den Disputationen der scholastischen Theologie standen sich ein Proponent und ein Opponent gegenüber. Das galt sogar noch für Luthers „Disputation gegen die scholastische Theologie“, die ihren eigenen Sinn mit scholastischen Mitteln infrage stellte. In diesem Geist veranstalten wir hier unser Pro und Contra zum Pro und Contra: Es beweist die Überlegenheit des abwägenden Ansatzes schon durch seine Existenz.

Besonders schön ist am Für und Wider, dass man sich dabei ungestört auf die jeweils eine Seite der Debatte konzentrieren und so ganz legitim gegen das Gebot des Abwägens verstoßen kann. Man wird automatisch zum Advocatus Diaboli, selbst wenn man (wie ich in diesem Fall) für die gute und richtige Sache argumentiert und nicht dagegen.

Eine Welt ohne Pro und Contra, besonders eine „Zeit“ ohne Pro und Contra, ist also weder wünschenswert noch denkbar. Da kann es gar keine zwei Meinungen geben.

Jan Küveler: Contra

Gerade als Fan von Meinungsvielfalt darf man für Pro-und-Contras wenig übrighaben. Diese journalistische Form spreizt sich im faulen Glauben, ihr Pfauenrad schlüge jeden Gegner in die Flucht. Hier kann es naturgemäß nichts zu kritisieren geben, signalisiert ihre imposante Doppelgestalt – wir glänzen, ruft sie, über das gesamte Meinungsspektrum, von Hü bis Hott, von Yin bis Yang, von Schwarz bis Weiß ad infinitum. Zwischen uns, lautet die implizite Botschaft, passt kein Blatt Papier, das auch noch vollgeschrieben werden müsste.

Dabei fehlt gerade dieses. Pro und Contra sind die Schrumpfform Hegelscher Dialektik, weil sie systematisch die Synthese ablehnen – die selbst wiederum zur neuen These würde, der man die nächste Antithese gegenüberstellte. Es handelt sich deshalb bei Pro und Contra eben nicht um Katalysatoren der Debatte, sondern im Gegenteil um deren Verhinderung. In den meisten Fällen zeigen die Texte das nur zu deutlich, indem sie unversöhnliche Positionen flankieren, die gar nicht miteinander sprechen, sondern das jeweilige Problem aus einander ausschließenden Perspektiven in den Blick nehmen, so wie in dem berühmten Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten. Angeblich dreht sich der Streit um den Elefanten selbst, in Wahrheit geht es im Pro bloß um seine Beine, im Contra um die Stoßzähne.

So zelebriert das Pro und Contra mutigen Streit, verkörpert aber insgeheim traurige Verzagtheit, die Unentschiedenheit, sich in einer vieldeutigen Welt zu einer Position durchzuringen. Noch die härteste Polemik sieht sich durch ihr Pendant relativiert. Es ist, als verabreichte man gleichzeitig Gift und Gegengift. Die Inszenierung solcher Zeitungsseiten erinnert an Westernduelle, wo sich zwei Revolverhelden auf offener Straße gegenüberstehen. Close-up auf ihre grimmigen Gesichter, die zitternde Schweißperle auf der Stirn, die Hände am Colt. Dann der Schuss. Nur wer umfällt, das sieht man leider nicht. Die Kamera hat pietätvoll abgeblendet, umblättern bitte, nächstes Thema.

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