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Sport - 2 Wochen ago

Julian Alaphilippe, der Unwiderstehliche

Sie lieben ihn, die Franzosen. Julian Alaphilippe begeistert einmal mehr bei der Tour de France – mit seinem furiosen Etappensieg in den Weinbergen der Champagne. Dabei ist seine Fahrweise eigentlich ein Anachronismus.

Am Anschlag: Julian Alaphilippe wuchtet seine Rennmaschine den Schlussanstieg hinauf

Einmal testet er an, dann macht er Ernst: Nach einem ersten Anzupfen geht Julian Alaphilippe an der Côte de Mutigny ein zweites Mal aus dem Sattel und jeder im geschrumpften Peloton weiß: Anschnallen, jetzt wird es richtig schnell. Dort, wo sie die Trauben für den edlen Champagner ernten, wird es hochprozentig: Just im steilsten Stück des 900 Meter kurzen, aber mit durchschnittlich 12,2 Prozent sehr anspruchsvollen Anstiegs tritt der Franzose an. In einem wilden Stakkato hämmern seine drahtigen Beine in die Pedale, wuchten seine Rennmaschine immer schneller bergauf. Keiner kann folgen, nicht einmal der Kolumbianer Egan Bernal, für viele der Favorit dieser Tour de France. Julian Alaphilippe jagt davon und die französischen Fans am Streckenrand rasten aus.

Viele hatten auf der 215 Kilometer langen 3. Tour-Etappe von Binche nach Épernay in den steilen Rampen der Weinberge der Champagne mit einer Attacke von Alaphilippe gerechnet, der dieses Terrain liebt und auch bei den bergigen Klassikern kaum zu schlagen ist. Dass er es wagte, und gut 16 Kilometer antrat, während die Konkurrenz abwartete und auf eine späte Entscheidung im Finale setzte, zeichnet den 27-Jährigen aus. Und es ist der eigentliche Grund für seine Popularität. Die französischen Fans lieben seine mutige, unerschrockene und unkalkulierbare Fahrweise.

Vom Schlagzeuger zum Rad-Popstar

Julian Alaphilippe fährt nicht nach Wattdaten oder Funk-Kommandos aus dem Teamfahrzeug, so wie der ferngesteuert wirkende Chris Froome. Julian Alaphilippe fährt am liebsten Vollgas. „Ich fahre immer, wie es mag: offensiv. Abwarten liegt mir nicht.“ Und das sieht man. Alaphilippe jagt in der letzten Abfahrt in halsbrecherischer Position dem Ziel entgegen, hockt auf dem Oberrohr seines Rades, um sich noch kleiner machen zu können im Fahrtwind. Nach einem finalen Schlussanstieg hat er es geschafft: Doppelschlag aus Etappensieg und Gelbem Trikot. „Erst als sie mir das Trikot übergezogen haben, habe ich realisiert, was passiert ist“, sagte der Deceuninck-Quickstep-Profi im Ziel. „Von diesem Szenario habe ich geträumt“, sagte der neue Gesamtführende, der auf dem Podium mit den Tränen zu kämpfen hatte. Auch, wie er später erklärte, weil ihm dabei durch den Kopf ging, was er alles getan hatte, um hierhin zu kommen.

Alaphilippe stammt aus dem Flusstal des Cher, einer Region ohne nennenswerte topografische Erhebungen. Zunächst deutet wenig auf eine sportliche Karriere hin, denn er stammt aus einer musikalischen Familie und beginnt früh mit dem Schlagzeugspielen. In einem alternativen Leben wäre er wohl Schlagzeuger geworden, sagt Alaphilippe, dessen Vater Orchestermeister ist. Doch es kommt anders. Das theoretische an der Musik ist ihm zu trocken und er schlägt das Angebot einer Musiklehre aus. Sein großer Bewegungsdrang treibt ihn stattdessen aufs Fahrrad. „Ich brauche immer Aktivität in meinem Leben, so bin ich“ erzählt er im Januar dem Autor dieser Zeilen und gibt zu, dass es ihm schwer fällt, still zu sitzen. Im Leben wie auf dem Rad.

Ein Gegenentwurf zur Kalkulation à la Ineos

In Frankreich in aller Munde: Julian Alaphilippe ist ein Entertainer – auf dem Rad und daneben

Die Attacke liegt also in seinem Naturell. Stundenlanges, kraftsparendes Fahren im Peloton langweilt ihn, wie er sagt. Und genau damit hebt er sich ab: Die Ära der Sky- bzw. Ineos-Toursieger Bradley Wiggins (2012), Chris Froome (2013, 2015-2017) und Geraint Thomas (2018) ist geprägt von einer berechnenden Fahrweise. Kein ungestüme Attacken, einfach die Konkurrenz mit konstant hohem Tempo zermürben und einmal in Führung den Vorsprung effizient verwalten – auf diese Formel lässt sich das Erfolgsrezept der stärksten Rad-Équipe der Welt zusammenfassen. Das französische Publikum (und sicher nicht nur das) ist genervt von dieser erdrückenden und kühl rechnenden Dominanz der Briten. Auch deshalb wirkt Alaphilippes Fahrweise so spektakulär, so befreiend. Denn sie scheint einer anderen Zeit zu entspringen.

Im modernen Radsport können Leistungen am Berg schon vorab mathematisch kalkuliert werden, eine Analyse der Wattdaten soll Überraschungen vermeiden, Erfolg planbar machen. Einige Teams stellen ihren Tour-Kader inzwischen anhand von Leistungsdaten auf. Der Fahrer wird zu einer Zahl. Julian Alaphilippe spielt da nicht mit. Er fährt seine Attacken nach Gefühl und sagt selbst, dass er damit eigentlich ein Anachronismus ist: „Ich glaube, im Radsport, wie er früher war, hätte ich mich mit meiner Fahrweise noch besser entfalten können, hätte noch mehr Erfolg gehabt.“ In Frankreich ist er inzwischen ein Rad-Popstar, unterhält gerne mal mit flotten Sprüchen, Streichen für Teamkollegen oder einer kleinen Showeinlage. 

Nun ist er der erste Franzose im begehrten „Maillot Jaune“ seit fünf Jahren. Aber Alaphilippe ist klug genug, nun keine Hoffnungen auf den Toursieg zu wecken. Zu viele seiner Landsleute sind an der Last der Bürde des Klassementsfahrers schon zerbrochen. Diesen Fehler will er nicht wiederholen, zumal er dafür auch deutlich abwartender fahren müsste. Alaphilippe nimmt die Tour auch in diesem Jahr „von Tag zu Tag“ und wird wohl wie im Vorjahr auf weitere Etappensiege und das Bergtrikot schielen. Für beides „darf“ er angreifen. Und das wird er auch.


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    6 Emanuel Buchmann (Bora-Hansgrohe)

    Vom talentierten Mitfahrer zum Podiumskandidaten – Emanuel Buchmann hat bei den Vorbereitungsrennen einen starken Eindruck hinterlassen. Am Berg zählt der stille Schwabe inzwischen zu den Besten, im Zeitfahren hat er sich gesteigert. Was dem 26-jährigen noch fehlt, ist der Punch und das Selbstvertrauen für einen großen Sieg. Prognose: Seine Kurve geht weiter nach oben.


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    5 Vincenzo Nibali (Bahrain-Merida)

    Das Double aus Giro und Tour hat sich in den letzten Jahren stets als zu anspruchsvoll erwiesen. Auch dem erfahrenen „Hai aus Messina“ wird man die Strapazen der Italienrundfahrt, die er auch wegen eines taktischen Fehlers verlor, noch anmerken. Doch mit seiner Konstanz und Leidensfähigkeit wird der 34-Jährige punkten. Prognose: Dem Hai fehlen ein paar Zähne für einen kraftvollen Biss.


  • Wer gewinnt die Tour de France?

    4 Thibaut Pinot (Groupama-FDJ)

    Die Angst vor den Abfahrten ist besiegt, an seiner Zeitfahrschwäche hat er gearbeitet – ist Thibaut Pinot nun endlich bereit für mehr als eine gute Platzierung? Fast. Der Franzose wählte einen kontinuierlichen Aufbau und fokussiert sich erstmals wieder auf die Tour. Sein Team ist gut, aber andere sind besser. Prognose: Pinot wird angreifen, seine Gegner aber nicht alle abschütteln können.


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    3 Geraint Thomas (Ineos)

    Der Titelverteidiger hatte bei der Tour de Suisse eine Schrecksekunde: Nach einem schweren Sturz schien bereits der Traum vom zweiten Toursieg ausgeträumt. Doch der 33-jährige Waliser kann starten. Seine Vorbereitung lief nicht ideal – ihm wird die Leichtigkeit des Vorjahres fehlen. Prognose: Aber zum Podium reicht es dennoch.


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    2 Jakob Fuglsang (Astana)

    Jahrelang stand der Däne in Diensten anderer Top-Fahrer: Jakob Fuglsang fuhr schon für die Schleckbrüder als Helfer und stand auch bei Astana meist im Schatten. Nun ist er Kapitän und das zu Recht. In diesem Jahr war er der konstanteste der Tour-Kandidaten, hat sich am Berg noch einmal gesteigert. Prognose: Kommt dem Gelben Trikot sehr nah.


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    Autorin/Autor: Joscha Weber


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